Wie schlecht steht es wirklich um den Pharmastandort Deutschland?

Deutschland war lange ein bedeutender Standort für die pharmazeutische Industrie. In den letzten Jahren wächst jedoch die Sorge, dass immer mehr Pharmaunternehmen ihre Produktion ins Ausland verlagern könnten. Dies wirft Fragen über die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland auf und erfordert sowohl von der Politik als auch von der Industrie, Maßnahmen zur Erhaltung der Attraktivität des Pharmastandorts Deutschland zu ergreifen.

In den letzten Jahren mehrten sich die Anzeichen dafür, dass deutsche Pharmaunternehmen ihre Produktion zunehmend ins Ausland verlagern. So hat Pharmariese Bayer im Zuge mehrerer Umstrukturierungsmaßnahmen immer wieder Produktionsstätten in Deutschland geschlossen und Teile der Produktion ins Ausland verlagert. Auch für 2025 plant der Konzern einen umfassenden Stellenabbau in Deutschland. Auch Boehringer Ingelheim investiert stark in Produktionsanlagen weltweit, insbesondere China.

Erst kürzlich warnte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck bei einem Besuch eines Werks der Sandoz-Tochter Salutas Pharma in Barleben vor genau diesen Entwicklungen. Beim Treffen äußerte er, dass dies zu Engpässen führen könne und betonte, dass die Abhängigkeit von südostasiatischen Produktionsstätten angesichts der aktuellen weltpolitischen Lage ein Risiko darstelle. Doch was sind die Gründe und inwiefern kann und sollte die deutsche Politik diesen Entwicklungen entgegenwirken?

Teuer, bürokratisch und innovationsfeindlich? Ursachen der Abwanderung

  • Kostenfaktor und Steuerlast: Einer der Hauptgründe für die Sorge der Abwanderung von Pharmaunternehmen ist der hohe Kostenfaktor in Deutschland. Die enormen Lohnnebenkosten, strenge Umweltauflagen und teure Produktionsbedingungen machen es für viele Unternehmen attraktiv, in Länder mit günstigeren Produktionsbedingungen zu verlagern. Insbesondere Länder in Osteuropa und Asien bieten oftmals kostengünstigere Alternativen. Hohe steuerliche Belastungen sind ein weiterer Grund, warum Pharmaunternehmen Deutschland den Rücken kehren. Im internationalen Vergleich sind die Steuersätze in Deutschland hoch, was die Profitabilität der Unternehmen beeinträchtigt. Länder mit attraktiveren steuerlichen Rahmenbedingungen ziehen daher zunehmend Unternehmen an.
  • Regulatorische Hürden: Deutschland hat ein sehr strenges regulatorisches Umfeld, was zwar zu einer hohen Qualität und Sicherheit der hier produzierten Medikamente führt, jedoch auch die Kosten und den Aufwand für die Unternehmen erhöht. Langwierige und komplexe Zulassungsverfahren können den Markteintritt neuer Medikamente verzögern und so die Innovationskraft bremsen.
  • Fachkräftemangel: Auch der Mangel an hochqualifizierten Fachkräften in Deutschland stellt ein großes Problem dar. Besonders in den Bereichen Biotechnologie, IT und Forschung und Entwicklung gibt es einen erheblichen Bedarf, der oft nicht gedeckt werden kann. Unternehmen suchen daher verstärkt nach Standorten, an denen sie leichter Zugang zu qualifizierten Arbeitskräften haben.

Abwanderung der Pharmaunternehmen: Das wären die Auswirkungen auf Deutschland

  • Verlust von Arbeitsplätzen: Die Abwanderung von Pharmaunternehmen führt direkt zu einem Verlust von Arbeitsplätzen in Deutschland. Dies betrifft nicht nur die Produktion, sondern auch Forschung und Entwicklung sowie administrative Bereiche. Dieser Verlust hochqualifizierter Arbeitsplätze kann langfristig zu einem umfassenden Know-how-Verlust und weniger Innovationen führen.
  • Schwächung des Wirtschaftsstandorts: Deutschland verliert durch die Abwanderung von Unternehmen an wirtschaftlicher Stärke. Die pharmazeutische Industrie ist ein wichtiger Wirtschaftszweig, der maßgeblich zum Bruttoinlandsprodukt beiträgt. Eine Schwächung dieses Sektors hat daher negative Auswirkungen auf die gesamte Wirtschaft.
  • Reduzierte Innovationskraft: Deutschland gilt als einer der führenden Standorte für pharmazeutische Forschung und Entwicklung. Die Abwanderung von Unternehmen kann die Innovationskraft des Standorts erheblich beeinträchtigen, da wichtige Forschungsprojekte und Investitionen ins Ausland verlagert werden.
  • Medikamentenknappheit und höhere Kosten: Die Verlagerung der Produktion ins Ausland hat bereits zu Engpässen bei Medikamenten geführt, was die Abhängigkeit von internationalen Lieferketten erhöht. Diese Abhängigkeit kann zu einer Verknappung und damit zu höheren Preisen für Arzneimittel führen.
  • Abhängigkeit von anderen Ländern: Eine zunehmende Verlagerung der Produktion macht Deutschland stärker von internationalen Lieferketten abhängig. In Krisenzeiten kann dies zu erheblichen Versorgungsengpässen führen.

Die neue Pharmastrategie: So will die Bundesregierung den Standort Deutschland stärken

Die im Dezember 2023 beschlossene Pharmastrategie der Bundesregierung zielt darauf ab, Deutschland als attraktiven Standort für die Pharmaforschung und -produktion zu stärken und soll Unternehmen davon abhalten, ins Ausland abzuwandern. Die wichtigsten Maßnahmen und Ziele der Strategie umfassen:

  • Verbesserung der Rahmenbedingungen: Die Pharmastrategie sieht vor, die Rahmenbedingungen für die Herstellung und Entwicklung von Arzneimitteln zu verbessern. Dazu gehören schnellere Zulassungsverfahren, unbürokratische Genehmigungen und die Vereinfachung von Ethik-, Strahlenschutz- und Datensicherheitsprüfungen.
  • Digitalisierung im Gesundheitswesen: Die Strategie betont die Beschleunigung der Digitalisierung im Gesundheitswesen. Ein wesentlicher Bestandteil ist die digitale Nutzung von Gesundheitsdaten, von der sowohl Patienten als auch die Wissenschaft profitieren sollen.
  • Förderung von Produktionsstätten in Deutschland: Es sollen Anreize für die Ansiedlung neuer Produktionsstätten in Deutschland geschaffen werden. Dies umfasst auch die Prüfung von Förderinstrumenten durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz sowie das Bundesministerium für Gesundheit.
  • Innovationsförderung: Die Strategie umfasst gezielte Fördermaßnahmen zur Unterstützung von Innovationsprojekten in der Pharmaindustrie. Dies soll den Transfer von Forschungsergebnissen in die Arzneimittelentwicklung und -anwendung erleichtern.
  • Planungssicherheit für Investoren: Durch die Verbesserung der Standortbedingungen und die Bereitstellung verlässlicher Rahmenbedingungen soll die Planungssicherheit für Investoren erhöht werden. Dies schließt auch die Evaluation der Preisbildung für innovative Arzneimittel ein.
  • Stärkung der klinischen Forschung: Klinische Prüfungen sollen beschleunigt und die Strukturen für die Zulassung von Studien gestärkt werden. Eine neue Bundes-Ethik-Kommission beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte soll Antragsverfahren bündeln und beschleunigen.

Die Strategie wurde von der Branche grundsätzlich begrüßt, jedoch wurden auch Bedenken geäußert. Branchenvertreter wie der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) und der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (vfa) lobten die Strategie als einen wichtigen Schritt zur Stärkung von Forschung und Entwicklung in Deutschland. Sie betonten die positiven Aspekte der geplanten Maßnahmen zur Beschleunigung klinischer Prüfungen und zur Nutzung von Gesundheitsdaten. Gleichzeitig äußerten sie jedoch Bedenken hinsichtlich der Finanzierung und Konkretisierung der vorgeschlagenen Maßnahmen, die teils noch unspezifisch sind und unter Finanzierungsvorbehalt stehen. Die Strategie könne nur dann erfolgreich sein, wenn sie umfassend, verbindlich und zeitnah umgesetzt wird, um langfristige Planungssicherheit und stabile Rahmenbedingungen zu gewährleisten, so der allgemeine Tenor.

Hoffnung für Pharmastandort Deutschland: Unternehmen investieren Millionen

Trotz anhaltender Diskussionen und Herausforderungen zeigen sich bereits positive Entwicklungen: In den vergangenen Monaten haben mehrere große Pharmakonzerne neue Standorte in Deutschland eröffnet und Investitionen getätigt. So fand im April die symbolische Grundsteinlegung für ein neues Merck-Forschungszentrum in Darmstadt statt. Der US-Pharma-Konzern Eli Lilly investiert 2,3 Milliarden Euro in ein neues Werk in Rheinland-Pfalz, und Unternehmen wie Roche und Daiichi-Sankyo haben ebenfalls erhebliche Investitionen in Bayern und Baden-Württemberg angekündigt.

Bundeskanzler Olaf Scholz sprach in diesem Zusammenhang von einem „Aufbruch“, den seine Regierung „weiter mit aller Kraft unterstützen“ werde. Diese Investitionen zeigen, dass Deutschland weiterhin ein attraktiver Standort für die pharmazeutische Industrie sein kann, wenn die Rahmenbedingungen stimmen.

Abwanderung: So bleibt Deutschland als Pharmastandort weiterhin relevant

Die Abwanderung von Pharmaunternehmen stellt eine ernsthafte Herausforderung für den Standort Deutschland dar. Wird diese Entwicklung nicht gestoppt, könnte Deutschland zu einem Absatzmarkt für Pharmaprodukte anderer Länder werden, was zu einer Preissteigerung der Arzneimittelkosten und Lieferengpässen führen könnte. Damit würde auch der Verlust an Kompetenz und internationaler Reputation in diesem Bereich einhergehen. Es ist von entscheidender Bedeutung, dass Politik und Industrie zusammenarbeiten, um die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands zu erhalten und auszubauen. Denn nur durch die konsequente Umsetzung einer umfassenden Strategie, die alle relevanten Faktoren berücksichtigt, kann Deutschland seine Position als führender Pharmastandort auch in Zukunft halten und weiter ausbauen.

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